Archive für Facebook

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Hans-Peter Scholl ist Leiter Markt Schweiz bei blueReport. Davor war er Verkaufsleiter bei der Publisuisse AG und in der Geschäftsleitung der Radiotele AG. Im Interview erzählt er uns, wie er den Medienwandel als Digital Immigrant wahrnimmt und wie er mit blueReport diesen neuen Herausforderungen begegnen will.

blueReport: Was ist aktuell die grösste Herausforderung in deinem Beruf?

Hans-Peter Scholl: Die grösste Herausforderung besteht darin, dass mein Team und ich den Technologiewandel in der Medienwelt und die daraus resultierenden neuen Möglichkeiten in der Unternehmenskommunikation unseren Kunden – also Kommunikationsprofis und PR-Fachleuten – generationsübergreifend vermitteln müssen. Dabei wird der Beruf des klassischen Presse- und Unternehmenssprechers mit ganz neuen Formen von Content und Content-Distribution angereichert, was sich auch auf die Arbeitswelt in meinem Umfeld auswirkt. Somit mussten auch wir zu Content-Spezialisten werden, die sich in allen heute verfügbaren Medienkanälen auskennen. Das erfordert, sich täglich neu zu orientieren, neuste Technologien und Plattformen anzuschauen und die weltweiten Medien-Trends für unser Unternehmen und unsere Kunden nutzbar zu machen. Dabei lassen wir aber selbstverständlich auch die klassischen Medienkanäle nicht ausser Acht.

Anbieter von Onlinenews beginnen vermehrt, Ihre Inhalte direkt über Facebook oder Youtube zu verbreiten und verzichten gegen eine Beteiligung an den Werbeeinnahmen auf Traffic auf Ihren eigenen Webportalen. Wie schätzt Du diese Entwicklung und deren Auswirkungen ein?

Wer heute im News-Geschäft oder in der Pressearbeit Erfolg haben will, muss heute eine Vielzahl verschiedener Distributionsplattformen im Onlinebereich bedienen können. Facebook verändert sich zum Beispiel gerade in ein eigenes Medienhaus und setzt dabei auf die Inhalte etablierter Medienhäuser (wir haben dem Thema bereits einen Blogpost gewidmet). Es wäre aber nicht überraschend, wenn Marc Zuckerberg über kurz oder lang eigene Inhalte produzieren und dann tendenziell weniger Fremdinhalte «durchlassen» wird.
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aus Videopräsentation E. Pariser vom März 2011

Der Medienwandel schreitet voran: analoge Medieninhalte verlagern sich auf die entsprechenden Newsportale der Verlage und TV-Stationen im Netz. Das ist nicht neu. Ebenso wenig ist es neu, dass die Produzenten von Onlinecontent Social Media nutzen, um Traffic auf ihren eigenen Websites zu lenken und damit für Werbepartner attraktiv zu sein. Im letzten Herbst hat Holger Schmidt in einem lesenwerten Beitrag dargelegt, wie sich Facebook so als «Gatekeeper für Nachrichten» etabliert.

Beiträge von Onlinemedien im Facebook Newsfeed

Wie Spiegel Online nun Ende März 2015 berichtete, soll Facebook nun mindestens sechs «Medienunternehmen angeboten haben, Inhalte direkt auf seiner Plattform zu veröffentlichen – also nicht, wie bislang, nur in Form einer Verlinkung auf die jeweilige Website.» Im Gegenzug zu einer Beteiligung an Facebooks Werbeeinkünften würden die Medienpartner Inhalte ausschliesslich – oder zumindest vorab – für den Facebook Newsfeed produzieren. Und damit auf Besucher und Werbeumsätze auf ihren eigenen Newsportalen verzichten. Als (Start-)Partner sollen dabei nicht nur Onlineunternehmen wie Buzzfeed im Gespräch sein, sondern auch traditionelle Medienhäuser wie die New York Times, National Geographic oder der Guardian.

Ein weiterer Schritt zum personalized Newspaper – und zur persönlichen Filter Bubble

Die möglichen Vorteile einer solchen Zusammenarbeit liegen für traditionelle Verleger auf der Hand: Facebook kann durch seine riesige Nutzerbasis die Reichweite eines Artikels potenziell vervielfachen und verfügt über eine Fülle an persönlichen Nutzerdaten, mittels welcher sich Newsinhalte passgenau und mit viel weniger Streuverlust an die gewünschte Leserschaft richten lassen. «Is it worth the tradeoff to get extra Facebook dollars today in exchange for a little of your independence tomorrow?» schreibt Joshua Benton von niemanlab.org und stellt die Frage in den Raum, ob sich diese Art der Content-Verbreitung für die Verleger nicht nur kurz- sondern auch mittelfristig wohl rechne.

Sobald Inhalte spezifisch für Facebook oder YouTube hergestellt werden, steigt sowohl für den News-Produzenten, aber auch für die Leser, die Abhängigkeit von eben diesen sozialen Netzwerken weiter an. Man ist den Algorithmen der Social Media Plattformen insofern ausgeliefert, als diese frei entscheiden können, wer welche Nachrichten in seinem Newsfeed zu sehen bekommt. Das ist problematisch, da Facebook & Co. in erster Linie die Absicht verfolgen werden, ihren Nutzern News anzuzeigen, mit welchen sich möglichst hohe Werbeeinnahmen generieren lassen. Weiter werden soziale Netzwerke aller Voraussicht nach keine neutrale Auswahl an Newsinhalten anzeigen, sondern vor allem solche, von denen sie ausgehen, dass sie ihren Nutzern gefallen. Das führt dazu, dass sich der Effekt einer persönlichen Filter Bubble weiter akzentuiert.

Was heisst das für Ihr Media Monitoring?

Bis dato wurden Online und Social Media von vielen Medienbeobachtern als verwandte, aber grundsätzlich von einander getrennte Medienkanäle betrachtet, die miteinander in einer Wechselwirkung verknüpft waren: Onlineartikel werden via Social Media geteilt, verbreitet und kommentiert. In der Gegenrichtung fanden Diskussionen und Äusserungen von sozialen Netzwerken, Blogs und Foren den Weg in die Onlinemedien. Werden Onlineinhalte zukünftig direkt und ausschliesslich auf Social Media veröffentlicht, werden News aufgrund ihrer Personalisierung heterogener. Damit geht einher, dass Media Monitoring noch stärker als heute eine Hilfestellung bieten muss, Beiträge hinsichtlich ihrer Relevanz richtig einordnen um wichtige von weniger wichtigen Meldungen separieren zu können. Zudem ist davon auszugehen, dass Bild- und Videoinhalte sowie auf Interaktion ausgelegte Beiträge weiter an Wichtigkeit gewinnen werden. Daraus ergibt sich die Herausforderung, Möglichkeiten bereitzustellen, diese Inhalte einfach, zeitnah und effizient verarbeiten zu können.

Weitere Lesehinweise:
Facebook May Host News Sites’ Content (NY Times)
Zukunft der Medien: Daten sammeln, Kontrolle verlieren (Spiegel Online)
Alles auf Blau (Silo Journalism / medium.com)

2015 Der Jahreswechsel bringt traditionell den ein oder anderen Jahresrückblick und entsprechende Prognosen für das kommende Jahr mit sich. Davor macht selbstverständlich auch die Kommunikationsbranche nicht halt – im Gegenteil. Gerade der Katalysator des Medienwandels, das Social Web, wirft jedes Jahr wieder die Frage nach den neuesten Trends und entscheidenden Entwicklungen auf. Aber wie neu sind die Trends und was bedeuten sie eigentlich für PR- und Marketingprofis?

Die wichtigsten Entwicklungen 2015

Wir haben einen Blick auf die Prognosen in zahlreichen deutsch- und englischsprachigen Medien und der Blogosphäre geworfen. Herausragend werden diesen zufolge vier Entwicklungen sein, die ohne Frage Einfluss auf unsere Arbeit haben werden.

1. Die mobile Nutzung nimmt stetig zu

Für Jeff Bullas, Internet Marketing Experte aus Australien, ist es ganz oben auf der Liste der Social Media Trends 2015: Das mobile Netz ist nicht mehr aufzuhalten. Es gelte nicht mehr “online”, sondern “mobile” first. Entsprechend angepasst müssten die Inhalte sein – grafisch und inhaltlich. Auch für Forbes gehört dies zu den wichtigsten Veränderungen des noch jungen Jahres.

2. Reichweite wird teuer

Das österreichische Portal “fisch + fleisch” bringt es auf den Punkt: “Ohne Geld geht 2015 nichts mehr.” Das gilt vor allem für Reichweiten bei Facebook. Kampagnen werden immer mehr über Ads gesteuert, die zwar teurer werden, dafür aber auch ihre Zielgruppe immer genauer erreichen.

3. Videoinhalte werden immer beliebter

Bereits 2014 waren Bilder, Gifs und kurze Videos das Mittel der Wahl für virales Storytelling. Bewegtbilder werden auch in diesem Jahr nicht mehr aus der Kommunikation wegzudenken sein (siehe dazu auch den aktuellen Beitrag von Nicolas Scheidtweiler) und Portale wie Instagram weiter an Relevanz gewinnen. Gleichzeitig wird Bloggen aber auch zum “Marketing-Mainstream”, meint der Blogger Ritchie Pettauer. Texte, Videos, Gifs etc. ergänzen sich hier gegenseitig.

4. Unternehmen werden mehr Ressourcen ins Social Web investieren

Social Media braucht gute Geschichten bzw. guten Content. Unternehmen sind gerade dabei das Potenzial von Videos neu zu entdecken oder eigene Formate zu entwickeln (siehe Experteninterviews auf Geistreich 78). Kostenfrei wird diese Professionalisierung allerdings nicht sein. Um Aufmerksamkeit über Soziale Netzwerke zu erlangen, werden Unternehmen deutlich mehr Ressourcen und Expertenwissen in die Hand nehmen müssen.

Spürbare Konsequenzen im Arbeitsalltag

Alles nicht so richtig neu? Vielleicht. Allerdings wird 2015 deutlich werden, dass Social Media nicht mehr nebenbei und ohne Aufwendung von zusätzlichen personellen und finanziellen Ressourcen geht. Der schnelle Facebook-Post zwischendurch wird zunehmend wertlos werden und die Erstellung von Videoinhalten und Grafiken wird technisch immer größere und neue technische Anforderungen an Profi-Kommunikatoren stellen (so beschreibt es auch der Präsident der Berner Public Relations Gesellschaft (BPRG) Cla Martin Caflisch in unserem “5 Fragen an…”-Interview). Ziel muss es 2015 sein, neue Wege in der Markenkommunikation zu finden und vielleicht auch neue Plattformen für sich zu entdecken. Nicht für jedes Unternehmen ist oder bleibt Facebook der kostengünstige Königsweg. Dazu gehört ohne Frage auch ein professionelles Social Media Monitoring und der effiziente Einsatz der gewonnenen Informationen. 2015 wird das Jahr, in dem wir uns vor der Frage, was unsere Zielgruppe wirklich interessiert, nicht mehr drücken können.

Neue Soziale Netzwerke haben es nicht einfach. Das erfährt auch das aktuell breit diskutierte Projekt Ello. Die mediale Resonanz war beachtlich, nimmt aber schon wieder deutlich ab. Ergeht es Ello wie den bereits fast vergessenen Facebook-Alternativen „Amen“ und „Diaspora“?

Ello als Alternative zu Facebook?

Facebook steht seit Jahren in der Kritik. Nutzer bemängeln immer wieder undurchsichtige Privatsphäre-Einstellungen und die umstrittene Haltung des Konzerns zum Thema Datenschutz. Es scheint allerdings, als ob die andauernde Kritik Facebook nicht substantiell schadet. Ello besetzt mit seinem Geschäftsansatz die Schwachstellen von Facebook und wurde dafür in den vergangenen Wochen als die Facebook-Alternative platziert.

Spannende Berichte zur Usability von Ello finden Sie u.a. hier:
Ello, der neue Facebook-Konkurrent? (Artikel via Stuttgarter-Zeitung.de)
Hello, ello, turn your social media on! (Artikel via PR-Stunt.de)
Ello in den deutschsprachigen Online-Medien (blau) und Blogs (schwarz) im zeitlichen Verlauf vom 1.8.2014 bis zum 30.10.2014.

Ello in den deutschsprachigen Online-Medien (blau) und Blogs (schwarz) im zeitlichen Verlauf vom 1.8.2014 bis zum 30.10.2014.

Seit Kurzem firmiert das Unternehmen zudem als gemeinnützige Organisation und verpflichtet sich damit auch zum Verzicht auf den Verkauf von Daten und Werbung – für immer. Medial erfährt Ello für diesen Schritt und diese Positionierung entsprechende Resonanz.

Ello "Manifest"

Ello “Manifest”

Ello besetzt Schwachstellen von Facebook

Alle Treffer zum Suchwort Ello (blau) im Vergleich zu Treffern mit gleichzeitiger Nennung der Suchwörter „Facebook „ (schwarz), „Werbung*“ (rot), „Datenschutz“* (grün) und „Privatsphäre* (orange). Mehrfachnennung möglich.

Alle Treffer zum Suchwort Ello (blau) im Vergleich zu Treffern mit gleichzeitiger Nennung der Suchwörter „Facebook „ (schwarz), „Werbung*“ (rot), „Datenschutz“* (grün) und „Privatsphäre* (orange). Mehrfachnennung möglich.

Mit blueReport haben wir uns alle Treffer (blau in den Grafiken) aus dem Oktober 2014 in deutschsprachigen Online-Medien und Blogs angeschaut. Bei vielen Beiträgen handelt es sich natürlich um erste Erfahrungs- und Usability-Berichte. Es fällt zudem auf, dass fast jeder Artikel gleichzeitig Facebook nennt. Die mediale Positionierung als Facebook-Alternative ist mehr als deutlich. Gleichzeitig thematisieren gut 40% der Beiträge die Frage nach Werbung im Netzwerk (wörtliche Nennung des Suchbegriffes „Werbung*“(schwarz) ) und insgesamt ca. 37 % der Treffer „Datenschutz*“ (grün), „Privatsphäre*“ (orange) oder das Recht sich mit einem „Pseudonym*“ (lila) anmelden zu dürfen. Dazu kommen Debatten um die erlaubte Freizügigkeit der Nutzer auf ihren Profilbildern.

Alle Treffer im Oktober 2014 zum Suchwort Ello (blau) im Vergleich zu Treffern mit gleichzeitiger Nennung der Suchwörter „Facebook „ (schwarz), „Werbung*“ (rot), „Datenschutz“* (grün) und „Privatsphäre* (orange). Mehrfachnennung möglich

Alle Treffer im Oktober 2014 zum Suchwort Ello (blau) im Vergleich zu Treffern mit gleichzeitiger Nennung der Suchwörter „Facebook „ (schwarz), „Werbung*“ (rot), „Datenschutz“* (grün) und „Privatsphäre* (orange). Mehrfachnennungen möglich.

The Winner takes it all?

Soziale Netzwerke funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Alle wollen da hin, wo auch ihre Freunde bzw. Geschäftspartner sind. Neue Netzwerke müssen eine kritische Masse an Nutzern verzeichnen, die den jeweiligen Dienst attraktiv genug für immer weitere Personen machen. Umgekehrt kann eine Abwanderungsbewegung aus Unzufriedenheit bei einem bis dahin erfolgreichen Dienst nach dieser Logik eine Eigendynamik entwickeln, die zur Verwaisung führt. Bei anhaltender Kritik an Facebook ist es natürlich möglich, dass ein anderes, neues Soziales Netzwerk über die mediale Präsenz hinaus an Relevanz gewinnt. Ob Ello dieses Netzwerk ist und ob dieser Zeitpunkt jetzt erreicht ist, scheint doch zumindest fraglich.

Nichtsdestotrotz können Debatten, wie die aktuelle um Ello, Facebook unter Druck setzen und somit Einfluss auf den Global Player haben. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist der Klarnamenszwang bei Facebook. Zwar haben die meisten Nutzer kein Problem mit ihren Phantasienamen oder Abwandlungen des tatsächlichen Namens, das Unternehmen hat jedoch das Recht, einen Account aufgrund dieser Tatsache zu sperren. In den USA hatte Facebook bekannten Travestiekünstlern eine Sperrung angedroht – ist nun aber zurückgerudert. In einer Petition hatten über 22.000 Unterstützer das Recht auf den Künstlernamen als offiziellen Profilnamen gefordert.

Das Entgegenkommen von Facebook wird von Beobachtern mit der Abwanderung zahlreicher User aus der schwul-lesbischen Community zu Ello erklärt.